Hermann Gryn und der Löwenkampf

Es war einmal ... - so fangen gute Geschichten an. Diese spielt im 13. Jahrhundert in Köln und die Hauptakteure sind ein mutiger Bürgermeister, ein machtbesessener Erzbischof, zwei allzu pflichtbesessene Domherren und ein Löwe auf Null-Diät.

Doch anders als ein Märchen beginnt diese Legende nicht mit: Es war einmal. Denn sie hat einen wahren Kern. Und so erzählen wir die Geschichte, wie sie sich einst zugetragen haben soll ...

Klerus gegen aufstrebendes Bürgertum

Im September 1261 starb der Kölner Erzbischof Konrad von Hochstaden. Er hatte Köln 1259 das Stapelrecht verliehen und damit einen soliden Grundstein für den Reichtum der Domstadt gelegt. Als Nachfolger wählte das Domkapital Engelbert II. von Falkenberg. Wie sein Vorgänger beanspruchte der neue Erzbischof alle geistliche und weltliche Macht der Stadt für sich alleine.

Das aufstrebende Kölner Bürgerturm kochte vor Wut. Allen voran ihr mutiger Bürgermeister Hermann Gryn. Gemeinsam zeigten sie Engelbert, wer die weltliche Macht wirklich innehatte. Mit Waffengewalt eroberten sie Bayen- und Kunibertsturm - wichtige Befestigungstürme der Stadtmauer - und vertrieben die Männer des Erzbischofs. Engelbert II. Gab schließlich nach und schloss 1262 zum Schein Frieden. Doch er sann auf Rache ....

Löwe als Kölner Besuchermagnet

Eines Tages fiel Engelberts Blick auf den Löwen in seinem Familienwappen. Das brachte ihn auf eine Idee. Schnell rief er zwei seiner Domherren herbei.
"Es ist unser Wunsch, einen Löwen anzuschaffen", sprach er. "Er soll bei Euch im Domherrenhaus leben. Und jedem, der es begehrt, sollt ihr ihn zeigen. Auf das die Bürger Kölns begreifen, dass wir die absolute Macht in dieser Stadt innehaben."
"Aber Herr, was soll der Löwe denn fressen ...", stotterte der Dickere der beiden.
"Fleisch natürlich", erwiderte Engelbert. "Am besten den Gryn."

Und so hatte Köln bald eine neue Hauptartaktion. Und wie heute im Kölner Zoo, waren damals die Fütterungszeiten besonders beliebt bei den Kölner Bürgern. Sie fanden sich regelmäßig um 9:30 und 16:30 Uhr im Domherrenhaus vor dem Käfig ein, damals noch ohne exorbitante Eintrittspreise. Nur einer kam nicht: Bürgermeister Hermann Gryn.

Einladung zum Versöhnungs-Essen

Doch die Domherren hatten den Wunsch Ihres Erzbischofs nicht vergessen. Gemeinsam luden sie Hermann Gryn zu einem Versöhnungsmal. Den Löwen aber ließen sie bis dahin hungern. Sauer streifte die Raubkatze durch den viel zu kleinen Käfig, brüllte und biss immer wieder in die Gitterstäbe.

Hermann Gryn ahnte indes nichts von den bösen Absichten der Kirchenmänner. Gerne wolle er sich mit ihnen versöhnen, ließ er ausrichten und nahm ihre Einladung an. Am vereinbarten Tag zog er seinen besten Rock an und warf den schweren roten Samt-Umhang über die breiten Schultern. Auf Waffen verzichtete er. Bis auf das kurze, prachtvoll verzierte Kurzschwert, dass er auf Empfängen zu tragen pflegte. Dann machte er sich auf den Weg zum Domherrenhaus.

Private Löwenfütterung für Hermann Gryn

Die Domherren begrüßten Hermann Gryn aufs herzlichste. Sie schenkten ihm reichlich Wein ein und plauderten ein Weilchen. In seinem Käfig brüllte der Löwe vor Hunger.

"Nichts für ungut, meine Herren", sprach Gryn, dem der Traubensaft schon leicht zu Kopfe gestiegen war. "Aber kann es vielleicht sein, dass das Tier hungrig ist?"
"Gewiss lieber Bürgermeister, gewiss", antworteten die Domherren. "Wir dachten, ihr wäret gerne einmal bei der Fütterung dabei und haben daher gewartet. Wenn ihr uns bitte folgen wollt."

Gryn hatte schon viel über den Löwen des Erzbischofs gehört und brannte darauf, das Tier zu begutachten. Nur sein Stolz hatte ihn bisher davon abgehalten. Aber nun bot sich ja eine günstige Gelegenheit - ohne das Gesicht zu verlieren. Darum zögerte er nicht und folgte den Domherren zum Käfig.

Der Löwenkampf

"Wenn ihr genug Mut habt, dürft Ihr dem Löwen das Futter geben", boten die Domherren an. Sie streckten Gryn ein Stück Fleisch entgegen und entriegelten die Käfigtüre. Nun wollte der stolze Bürgermeister keineswegs feige erscheinen und der Wein stärkte seinen Mut. Er nahm das Fleisch und trat in den Käfig. Doch eh er sich versah, gaben die beiden Domherren ihm einen kräftigen Tritt, so das er ganz hineinfiel. Dann verriegelten sie die Tür, wendeten sich um und gingen. Einer von ihnen drehte sich noch kurz um und rief: "Oh, hoher Herr: Wir haben Euch nicht zum Essen eingeladen. Ihr seid das Essen." Dann lachte er böse und beide verschwanden.

Schlagartig war Hermann Gryn wieder nüchtern. Langsam kam die große Raubkatze auf ihn zu. Dann setzte sie zum Sprung an. Geistesgegenwärtig wickelte der Mann seinen linken Arm in den dicken roten Samt-Umhang und streckt ihn dem Löwen entgegen. Mit der rechten Hand aber zog er sein Schwert. Dann biss das hungrige Raubtier zu, zerrte noch kurz am ummantelten Arm seines Widersachers ... und sank gleich darauf schlapp zu Boden. Die Schwertklinge Hermann Gryns hatte mitten ins Herz getroffen.

Aufgehängt an der Pfaffenpforte

Schweißnass und zitternd blickte Hermann Gryn auf den toten Löwen. Dann schaute er auf seinen blutenden Arm. Die Zähne des Raubtiers hatten trotz des dicken Umhangs tiefe Spuren hinterlassen. Seine Kleider waren zerfetzt von den scharfen Krallen und auch im Gesicht hatte er einen Striemen - zum Glück jedoch nicht tief. So gut es ging verband er sich mit den Resten seiner einst so prächtigen Kleidung. Dann wankte er zur Käfigtür, streckte den rechten unverletzten Arm hindurch und schob den Riegel zurück.

Mit letzter Kraft schleppte sich Hermann Gryn ins Kölner Rathaus. Dann ließ er die Schöffen der Stadt rufen, auf dass sie seine Verletzungen sahen, die wahre Geschichte hörten und Recht sprachen. Und das taten sie. Die Soldaten der Stadtwache fassten die beiden Domherren. Und trotz aller Unschuldsbeteuerungen verurteile sie das hohe Gericht am folgen Tag zum Tod durch den Strang. Sie wurden zum Nordtor der Stadtmauer in der Kölner Altstadt geführt, wo der Scharfrichter trotz Flehen und Betteln der Beiden das Urteil vollstreckte. Fortan nannte der Volksmund das Tor Pfaffenpforte.

Erzbischof Engelhard muss Köln verlassen

Engelbert kam zwar ungeschoren davon. Aber wenige Jahre später im Jahr 1268 vertrieben die Kölner ihn endgültig aus der Stadt. Er ließ darauf hin eine Residenz in Bonn errichten. Zeitlebens versuchte er erfolglos, seine ursprünglich Macht in Köln wiederzuerlangen. Am 20. Oktober 1274 starb er in Bonn. Im dortigen Münster fand er seine letzte Ruhe. Erst die Preußen ermöglichten wieder eine erzbischöfliche Residenz in Köln - allerdings ganz ohne weltlichen Einfluss. Davor kam allerdings noch die Schlacht von Worringen. Aber das ist eine andere Geschichte und soll an anderer Stelle erzählt werden. (sb)

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