Pflegehilfe als Treppenwitz

Gratis beraten die Mitarbeiter von Pflegehilfe.org in ganz Deutschland besorgte Familienangehörige, deren Eltern plötzlich Betreuung brauchen. Doch der Praxistest zeigt: Hinter dem vermeintlich sozialen Einsatz der Berater verbirgt sich knallhartes Finanzkalkül. 

Wer bei google die Begriffe „Pflegestützpunkte“ und „Köln“ eingibt, landet schnell bei der seriös klingenden Webseite www.pflegehilfe.org, einer bundesweit tätigen Vereinigung zur Unterstützung pflegebedürftiger Menschen.

Kaum einer weiß, dass diese Organisation nicht zu verwechseln ist mit den tatsächlichen Pflegestützpunkten, die von den Krankenkassen und der Bundesregierung organisiert werden.

Das Telefonat mit Pflegehilfe.org ist kostenlos. Also ruf ich an, mit betont besorgter Stimme: Meine Mutter brauche heimische Betreuung rund um die Uhr, sie sei fast blind und könne kaum noch laufen. Ob ich da finanzielle Hilfe bekomme, etwa von der Krankenkasse und vom Staat? Und wie das denn mit den Pflegestufen sei, mit den pflegenden Angehörigen. Und mit den pauschalen Hilfsmitteln für Masken. Und mit dem Kochen, da sie das selbst nicht mehr kann. 

Der Herr am Telefon mach einen interessierten Eindruck, fragt nach den Umständen, nach meinem Namen, nach meiner E-Mail.

Besonders beschäftigt ihn das Thema „24-Stunden-Betreuung“. Das koste bei einer Polin, die kaum Deutsch spricht, „so ab 2500 Euro“. Bei einer Polin, die ganz gut Deutsch spricht, „so 3800 Euro“. Wer eine medizinische Fachkraft bei sich wohnen lasse, zahle schon mal „11.000 Euro im Monat“. Dann fragt er nach den Treppen im Haus. Ob sie gerade oder krumm seien? Als ich ihm sage, ein Treppenlift sei zumindest jetzt noch gar nicht nötig, erklärt er mir trotzdem noch ein paar Summen: „3000 Euro für ein paar gerade Stufen, ab dann wird es teurer“. Das Wort Treppenlift fällt in dem Gespräch verdächtig häufig. Die Angaben zu Leistungen der Krankenkasse sind dagegen spärlich.

18 E-Mails, Anrufe sogar am Wochenende

Wichtig zu wissen: Pflegehilfe.org finanziert sich durch Vertragsabschlüsse mit Firmen, die auf den Umbau von Bädern und den Einbau von Treppenliften spezialisiert sind. Entsprechend bekomme ich schon wenige Minuten nach dem Gespräch ein gutes Dutzend E-Mails. Zunächst eines von dem Mann, mit dem ich am Telefon sprach. Dann von den Anbietern. Auch das Telefon steht nicht mehr still. Als die sechste Vertreterin von Treppenliften bei mir anruft, an einem Samstag-Nachmittag, gebe ich mich als Journalist zu erkennen: 

Sie: „Herr Büscher, das tut mir leid, ich dachte, unsere Firma sei die einzige, die mit Pflegehilfe.org zusammenarbeitet ...“ Und: „Bitte verraten Sie Ihren Lesern nicht meinen Namen“

Sinnvoll statt nervtötend

Wer sich wirklich unabhängig informieren möchte, geht besser auf pflegewegweiser-nrw.de. Dahinter steckt die Verbraucherzentrale NRW. Auch eine kostenlose Hotline ist dort aufgeführt. Dieser Schritt ist bei einem plötzlich eintretenden Handlungsbedarf für die alten Eltern sehr wichtig. 

Gut informiert lässt sich später viel besser mit den Krankenkassen verhandeln. Denn die sind etwa bei höheren Pflegestufen verpflichtet, spezielle Betten, Rollatoren und Notrufknöpfe zu finanzieren. Auch bei Umbau des Bades helfen sie mit mehreren Tausend Euro, wenn eine behindertengerechte Dusche die Badewanne ersetzen soll.

Übrigens: Alte Menschen wollen nicht gern ins Heim. Aber je nach Lage ist der Aufenthalt in einem Altersheim sogar günstiger als eine 24-Stunden-Betreuung zuhause. 

Es sei denn man hat das Glück und kennt einen Koch und Sommelier, der gerne genau dort wohnt, wo die alte Mutter gerade auf die 100 zugeht. Bon appetit. (tb)

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