Quotenkönigin oder Quotenfrau?

Seit Mai 2014 ist Valerie Weber, Wunschkandidatin von Intendant Tom Buhrow, die erste Hörfunkdirektorin in der Geschichte des WDR. Die gebürtige Münchnerin kommt an den Rhein mit zehn Jahren Leitungserfahrung bei Antenne Bayern, dem derzeit quotenstärksten deutschen Radiosender. Doch beim WDR muss sie erhebliche innere Widerstände überwinden.

Wie soll das Radio von morgen aussehen? Musik-Formatradio, Morgenshows und Gewinnspiel-Aktionen oder Unterhaltung, Information und Meinungsbildung für Anspruchsvolle? Mit diesen und ähnlichen Fragen sieht sich die neue Hörfunkchefin in den Kölner WDR-Arkaden häufig konfrontiert. Wie die meisten Radioleute ist auch Valerie Weber (*1965) keinesfalls auf den Mund gefallen. Trotzdem findet sie derzeit scheinbar nicht immer gleich die richtigen Antworten. Zum einen fehlt der mit leichtem bayerischen Einschlag sprechenden Radiomacherin offensichtlich der bekannte WDR-Stallgeruch. Zum anderen geht es bei der Diskussion um grundsätzliche Fragen über die Ausrichtung des Mediums Radio im digitalen Zeitalter.

Ein Wechsel schlägt Wellen

„Es ist kein Geheimnis, dass der Wechsel zum WDR für mich auch ein Systemwechsel ist“, sagt Weber in der Maiausgabe der hausinternen Zeitschrift Radio. Groß geworden ist die studierte Germanistin, Theaterwissenschaftlerin und Kunsthistorikerin im Privatfunk. Nach dem Studium und einem Volontariat bei Radio Downtown in Erlangen wurde sie 1988 Moderatorin bei N1 in Nürnberg. Weitere Stationen ihrer Karriere waren der Oldie-Sender Radio Franken, die Ostseewelle in Rostock und das Stuttgarter Hit-Radio Antenne 1. Seit 2004 war sie Programmdirektorin von Antenne Bayern. Innerhalb von zehn Jahren baute sie die Marktführerschaft dieses Senders mit publikumswirksamem Pop, Radio-Comedy-Serien wie den Nullingers und beliebten Telefon-Gewinnspielen aus. Das wird ihr nun zum Vorwurf gemacht, da sie mit ihrem Wechsel zum WDR ein öffentlich-rechtliches Haus führen soll. In einem offenen Brief an Intendant Buhrow baten 75 Mitarbeiter des WDR ihren Chef um eine Erklärung seiner Personalentscheidung. Viele hätten gerne den Programmchef des WDR-Jugendsenders 1Live, Jochen Rausch, auf diesem Posten gesehen.

Vielfalt gestalten

Mit den fünf analogen und vier digitalen Radioprogrammen des WDR sowie dem Gemeinschaftssender Funkhaus Europa übernimmt Weber die Verantwortung für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk im bevölkerungsreichsten deutschen Bundesland. Sein Sendegebiet umfasst so viele Großstädte wie keine andere Rundfunkanstalt in Deutschland. Natürlich gibt es auch reichlich private Konkurrenz in NRW, von der sich der WDR abheben muss. Wer wie Weber die Philosophie und Strategie ihrer neuen Konkurrenten aus eigener Erfahrung kennt, ist da sicherlich oft im Vorteil. Mit ihrem überraschend deutlichen Wahlergebnis von 40 von 43 Rundfunkrat-Stimmen steht sie immerhin besser da als ihr TV-Kollege Jörg Schönborn, ein WDR-Hausgewächs. Vielleicht ist das hausinterne Grummeln ja auch ein Zeichen fruchtbarer Diskussion beim WDR, der sich schließlich auch nicht einfach nur gegen Führungsexpertise von außen wehren kann. Wenn die begeisterte Radiomacherin in You-Tube-Videos über ihr Lieblingsmedium spricht, so zeigt sich ihre Affinität zu jungen Zielgruppen mit primärem Interesse an Musik. Beim WDR wird sie ihren Horizont erweitern müssen, denn zwischen Voreifel und Weser sind auch andere Geschmäcker zu bedienen.

Die wichtigste Lektion an ihrer neuen Wirkungsstätte hat Valerie Weber aber schon gelernt: Bloß nicht alle über einen Kamm scheren: „Ich liebe das Radio, weil es so viele verschiedene Gesichter hat.“ Für den WDR gilt dies mehr als für jede andere Landesrundfunkanstalt. Nun wird sich zeigen, ob sich hinter dem neuen Gesicht beim Kölner Sender mehr verbirgt als eine Quotenfrau. (Daniel Schümann)

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