Rosario Di Bella als junger Angestellter in Deutschland

Per Zug nach Köln – 50 Jahre Deutschland

1964 brach Rosario Di Bella nach Deutschland auf. Der Italiener kam mit dem Zug in Köln an. Seit über 50 Jahren lebt er nun in der bergischen Kreisstadt Gummersbach. Unser Reporter Roberto Di Bella sprach mit seinem Vater über die Anfänge in Deutschland, warum er vielleicht gerne in Köln geblieben wäre und über eine Reise, die vor 50 Jahren begann.

Rosario Di Bella war natürlich nicht der erste sogenannte Gastarbeiter. 1955 hatte die junge BRD mit dem Anwerben von Arbeitskräften im Ausland begonnen. So war er auch nicht der millionste, wie jener Portugiese, den man einige Monate später am Bahnhof Deutz mit einem Motorrad als Geschenk begrüßen sollte. Er war einer von vielen. Köln war bis zum Anwerbestopp 1973 der zentrale deutsche Umsteigebahnhof für die Arbeitsmigrantinnen und -migranten aus dem Süden. Seine Erlebnisse und Erfahrungen teilt er mit vielen. Sie sind zugleich ein Stück deutscher Heimatgeschichte.

Wann bist Du in Köln angekommen?

Am 8. Februar 1964. Das war ein Sonntag und der Karneval war auf dem Höhepunkt. Ich stand am Kölner Hauptbahnhof und sah all diese Leute feiern und trinken. So viele Menschen hatte ich noch nie zusammen feiern gesehen. Das war vielleicht nicht wie der Karneval in Rio, aber fast. Ich bin aber nicht dort geblieben, sondern habe auf den Zug nach Gummersbach gewartet.

Wie war die Fahrt von Sizilien nach Köln?

Die Reise war anstrengend. Es gab kaum Plätze. Der Zug war voller Menschen, die mit Kartons und Koffern unterwegs waren. Ganze Familien, die aufbrachen und auswanderten. Aus Apulien, viele aus Kalabrien, aus Sardinien ... Viele brachten sich sogar das Olivenöl aus Italien mit, Wein auch oder Kichererbsen. Alles, was man hier nicht finden würde, so dachte man. Aber ich brauchte das alles nicht, ich war ja Junggeselle und alleine unterwegs. Ich hatte nur einen Koffer mit Kleidung, vor allem Anzüge. Und einen Imbiss für unterwegs.

Was erzählten sich die Menschen im Zug?

Dass man in der Heimat nicht mehr leben konnte. Es gab keine Arbeit und die Familien waren groß. Sie mussten aufbrechen. Viele hatten bereits einen dieser Verträge mit einer Fabrik in Deutschland. Aber sie hatten natürlich keine Ausbildung. Man stellte die Menschen an irgendeine Maschine und gab ihnen eine Baracke als Unterkunft. Die Küche mussten sich z.B. viele Personen teilen. Deutschland war damals nicht gut darauf vorbereitet, um die Ausländer zu empfangen.

Warum bist du ausgewandert?

Ich war 24 und hatte meinen Militärdienst in Mailand gemacht, dann noch einige Zeit in Messina gearbeitet. Als gelernter Schneider war ich eigentlich nicht arbeitslos. Ich hatte auch genug Aufträge. Das Problem war: die einen bezahlten dich, die anderen nicht. Wie das halt so ist in Italien. Und Absicherungen für Rente, Arbeitslosigkeit usw. gab es ja nicht. Mein drei Jahre älterer Bruder Benito lebte damals schon in Deutschland. Er war mit einem Vertrag ausgewandert und arbeitete seit zwei Jahren in einer Fabrik für Elektrotechnik in Gummersbach. Ich bin einfach so losgefahren, nur mit meinem Ausweis in der Tasche.

Konntest Du Deutsch?

Nein, woher denn! Davon konnte ich nur träumen. Das war erst einmal alles fremd für mich, was ich hörte.

Erinnerst du dich noch an dein erstes deutsches Wort?

Ich glaube, mein erster Satz war "Ich liebe dich." (lacht) Aber den kannte ich schon vorher. Taormina ist ja eine touristische Gegend und mit einem Freund bin ich öfters hingefahren. Er verdiente sich was dazu als Akkordeonspieler, z.B. auf Familienfesten. Da habe ich das wohl irgendwo von einem der anderen Italiener gehört.

Mit Freunden in Mailand, 1962
Mit Arbeitskollegen in Gummersbach, 1966

Hast Du hier schnell Arbeit gefunden?

Als Schneider fand ich erst keine Arbeit in Gummersbach. Ich habe zusammen mit meinem Bruder gewohnt und wir haben uns die Miete geteilt. Meine mitgebrachten Ersparnisse waren schnell aufgebraucht. Ich habe zunächst eine sehr bescheidene Arbeit gefunden, in einer Fabrik, wo man Wolle färbte. Man hat mir ein Paar Gummistiefel gegeben, das bis zur Hüfte reichte. Dann bin ich in einen Bottich voller roher Wolle und Farbe gestiegen. Dann habe ich die Wolle solange mit den Füßen gestampft, bis sie Farbe angenommen hatte. Ich bekam 3 Mark 49 in der Stunde, 565 Mark im Monat. Das war zwar nicht viel, aber es war ein Anfang. Als die Firma Pleite gemacht hat, habe ich in einem Baustoffhandel gearbeitet. Da mussten wir Ziegel mit Glaswolle ausstopfen. Ich habe viel Staub geschluckt.

Es gab keine Sicherheitsmaßnahmen?

Nein. Die Italiener z.B., die in Deutschland arbeiteten, mussten oft anstrengende Jobs übernehmen. Sie arbeiteten auch in Doppelschichten und im Akkord. Je mehr du geschafft hast, umso mehr Lohn gab es natürlich. Man muss nur seine Pflicht tun, sich als ordentlicher Mensch verhalten. Es gibt Rechte und Pflichten. Ich war immer pünktlich auf der Arbeit, war nie krank. In der Fabrik war ich morgens immer als erster da. Aber mir gefiel diese Art der Arbeit nicht.

Gab es auch Konflikte?

Es gab natürlich unangenehme Situationen. Italiener wurden von den Deutschen auch beschimpft. "Die sind undiszipliniert. Die sind nicht sauber. Das sind Verräter usw." Da gab es schon mal eine Prügelei.

Wieso Verräter?


Natürlich, Italien hatte ja im Zweiten Weltkrieg die Seite gewechselt und sich mit den Amerikanern zusammengetan. Und das hatte vielen Deutschen nicht gefallen. Aber ich war ja damals nicht dabei gewesen und mich interessiert das nicht. Wenn ich also sah, dass in der Kneipe die Streitereien losgingen, bin ich raus.

Wie lebten die italienischen Männer in Deutschland?

Nicht gut. Viele hatten ihre Familien in Italien zurückgelassen und führten sich hier als Don Giovanni auf. Sie gingen tanzen oder in die Spielhalle. Dabei ging die Hälfte des Lohnes drauf. Das fand ich nicht gut. Außerdem ist das Leben als Junggeselle ja einsam und monoton. Man kocht für sich allein, geht einkaufen, macht die Wäsche, hält seine Kleidung in Ordnung usw. Das gefiel mir nicht. Ich wollte eine Familie gründen. Deshalb habe ich irgendwann zu meinem Bruder Benito gesagt: "Da muss sich was ändern. Entweder ich finde hier eine Frau oder ich gehe wieder zurück." Da war ich schon über vier Jahre in Deutschland und lebte allein bzw. mit meinem Bruder zusammen. Wir hatten ja auch keine eigene Wohnung, sondern immer wieder andere Zimmer zur Miete. Der Hauswirt vermietete verschiedene Zimmer und nahm von jedem 100 oder 150 Mark pro Person.

Und wie viele Männer wohnten in jedem Zimmer?

Man war immer zu zweit und es gab eine Toilette für das ganze Haus. Auch die Küche mussten wir uns teilen. Irgendwann wollte ich dann wieder zurück nach Sizilien. Eine Zeitlang habe in einer Änderungsschneiderei gearbeitet. Aber der Betrieb musste bald Insolvenz anmelden.

Mit Brüdern in Köln
Im eigenen Laden

Warst Du oft in Köln?

Ja, ich war immer wieder dort, z.B. mit meinen Brüdern Benito und Franco, der auch für eine kurze Zeit nach Deutschland gekommen war. Wir waren ja damals alle drei Junggesellen und haben uns die Stadt angeschaut, waren in italienischen Gaststätten essen. Und immer gut gekleidet, mit aktuellem Schnitt. Ich habe alle Anzüge selbst geschneidert. Die Italiener, die wir in Gummersbach trafen, sagten manchmal: "Seid ihr von Konsulat?" (lacht). Köln hat uns sehr gut gefallen. Eine schöne Stadt. Das war natürlich ganz was anderes als das Leben in Gummersbach. Hier auf dem Land hat man die Ausländer damals immer etwas von der Seite angesehen. Aber nach Köln sind ja schon immer Menschen von überall her gekommen, ob als Touristen oder zum Arbeiten. Eine sehr offene, gastfreundliche Stadt. Ich bin auch allein nach Köln gefahren. Mir gefiel es dort. Ich hätte gerne dort einen Laden eröffnet. Aber die Mieten waren zu hoch. Mir fehlte das notwendige Kapital.

Warum bist Du in Deutschland geblieben?

Ende 1967, Anfang 1968 habe ich mich in Gummersbach selbständig gemacht. Mit einer kleinen Nähmaschine habe ich angefangen. Im gleichen Haus konnte ich auch wohnen. Das war natürlich praktisch. Für Laden und Unterkunft habe ich 150 Mark bezahlt. Damals kamen auch Spanier als Kunden zu mir. Und einer sagte: "Rosario, wenn du eine Familie gründen möchtest, ich kenne da eine spanische Familie. Das sind auch Auswanderer wie du und haben eine Tochter. Wenn du willst, stell ich dich dort einmal vor." Aber die Mutter meiner Frau war zunächst misstrauisch. Sie hat sich beim Italienischen Generalkonsulat in Köln über mich erkundigt: ob ich nicht vielleicht schon in Italien verheiratet sei usw. Es war ja ihre einzige Tochter. Da wollte sie kein Risiko eingehen. Aber mein Glück war es, dass ich immer adrett gekleidet kam, höflich war und so ging es weiter.

Wie habt ihr euch verständigt?

Meine Frau arbeitete damals als Zimmermädchen in einer Kurklinik. Italienisch hat sie schon von ihren italienischen Kolleginnen gelernt. Als dann die Mutter meiner Frau sah, dass es mir ernst war, sagte sie: "Wir müssen auch deine Eltern kennenlernen."

Es gab also Verhandlungsgespräche?

(lacht laut). Richtig, jeder musste ja die Absichten des anderen kennenlernen. Meine Eltern sind nach Deutschland gekommen und haben gesagt: "Unser Sohn ist fleißig und sparsam. Ihm ist es ernst. Er ist ledig und hat keine Schulden". Es gab dann eine kleine Verlobungsfeier. Spanier und Italiener passen ja von ihrer Mentalität gut zusammen, die Musik, das Essen usw. Da gibt es viele Gemeinsamkeiten, stellte ich fest.

Juana und Rosario, 1969

Wie ging es weiter?

1969 habe ich begonnen, die Hochzeitspapiere zusammenzustellen, denn ich wollte im Juli heiraten. Aber du kennst ja die italienischen Behörden. Und so wurde es dann Dezember statt Juli. Dann ist meine ganze Familie aus Italien gekommen. Der Pastor bei der Hochzeit war Spanier. Unsere Hochzeitsreise ging dann allerdings nicht nach Spanien, sondern zu Freunden nach Düsseldorf! Wir mussten ja bescheiden leben und so ist das auch geblieben. Nur so habe ich so lange in Deutschland durchhalten können.

Viele Italiener sind wieder zurückgegangen

Oh ja, sehr viele. Und viele haben dabei einen großen Fehler begangen. Sie sind in die Heimat zurückgegangen, in der Hoffnung, dass sie dort wieder Arbeit finden. Aber so wie in anderen südeuropäischen Ländern gab und gibt es wenig an Möglichkeiten. Viele hatten aber schon Kinder. Und die haben sie in Italien auf die Grundschule geschickt. Ein paar Jahre später sind sie doch nach Deutschland zurückgekommen und die Kinder konnten natürlich kein Deutsch. Für mich war es wichtig, dass mein Sohn und später meine Tochter hier zur Schule gehen. Sie sollten erst die eine Kultur kennenlernen und dann die andere. Deutsch zu lernen ist wichtig, um sich zurechtzufinden. So sind wird geblieben und haben uns mit dem Geschäft eine Existenz aufgebaut, auch den Kindern zuliebe.

Was empfindest Du nach 50 Jahren?

Mir ist es hier in Deutschland nie schlecht ergangen. Ich hatte immer mit ehrlichen Menschen zu tun, die mich unterstützt haben. Ich habe es nicht bereut, hergekommen zu sein. Natürlich: schenken tut dir hier keiner was. Wie sagen die Deutschen immer: „Von nichts kommt nichts.“

Und heute?

Ich bin froh hier zu sein. Auf deutschem Boden in meinem eigenen Haus. Ich habe eine tolle Familie, süße Enkel, meine Frau steht mir zur Seite und mir fehlt es an nichts. Der Zusammenhalt der Familie war mir immer wichtig, mein Glaube, den ich nie verloren habe und der Respekt meiner Kinder. Diese drei Dinge habe ich im Leben gesucht. Das ist die Reise, die mein Zug gemacht hat. Der Zug, der mich vor fünfzig Jahren von Sizilien nach Köln gebracht hat. Und solange Gott will, bleibe ich hier. Der Zug fährt irgendwo los und irgendwann fährt er einmal in die Endstation ein.

Das Interview führte Dr. Roberto Di Bella am 24. Februar 2014 auf Italienisch. Emigration gab es immer und wird es immer geben“, sagt Rosario Di Bella. Viele weitere Geschichten, Daten und Fakten zur Geschichte der Migration an Rhein und Ruhr gibt es auf der Seite Angekommen

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