Krimiautor Volker Kutscher, sab
Volker Kutscher

19.07.2014

Krimiautor Volker Kutscher im Gespräch

Volker Kutscher ist Kölner Krimiautor. Sein Kommissar ermittelt im Berlin der 1920er- und 30er-Jahre. Seit kurzem ist klar: Die Krimireihe wird von Tom Tykwer als Serie für ARD und Sky unter dem Titel "Babylon Berlin" verfilmt.

Wir haben mit ihm über die geplante Verfilmung seiner Werke gesprochen, über seine Band, Schauspieler und anstehende Projekte.

Das Interview

Was mögen Sie an Köln?

Volker Kutscher: Das ist schwer zu sagen, wenn man schon ewig in Köln lebt. Ich komme ursprünglich aus dem Bergischen. Da ist Köln der Magnet, zu dem es einen hinzieht. In Köln habe ich studiert und dann ein Volontariat bei der Kölnischen Rundschau absolviert. Ich bin eben Rheinländer, mir gefällt die Lebensart und ich fühle mich hier wohl. Wie Berlin ein Konglomerat mehrerer Großstädte ist, so ist Köln eine Zusammenballung von Kleinstädten, die sich rund um Mutter Colonia gruppiert haben. Das mit dem Kleinstädtischen hören viele Kölner jetzt vielleicht nicht so gerne, (lacht) und natürlich gibt es hier auch ein paar urbane Ecken, aber Veedel wie Nippes, Ehrenfeld oder Dellbrück, wo ich lebe, sind doch eher überschaubar und ruhig. Kleinstadtatmosphäre mit den Vorzügen einer Großstadt - ich fühle mich wohl hier.

Warum ist Komissar Rath ein Kölner?

VK: Mir war es wichtig, dass Gereon Rath aus Köln kommt und dadurch in der preußischen Hauptstadt Berlin eine Art Alien ist. Er ist nicht vernetzt, anders als sein Vater, der ein typischer Klüngler in politischen Kreisen in Köln ist und sich mit Oberbürgermeister Adenauer duzt. Außerdem kann ich mich einfach besser in einen Rheinländer hineinversetzen als in einen Preußen.

Ein Ermittler mit kölschen Eigenschaften?

VK: Vor allem negative kölsche Eigenschaften. (lacht) Er hat eine gewisse Unzuverlässigkeit. Und ein gewisses Phlegma. Im Gegensatz zum preußisch-protestantischen Arbeitsethos hat er eine typisch kölsch-katholische Mentalität der Gelassenheit: "Es kütt wie et kütt" hat er verinnerlicht. Das sieht seine Freundin als waschechte Berlinerin eher negativ. Damals war ein katholisches Milieu auch noch durchaus anders als ein protestantisches. Rath ist zwar kein gläubiger Katholik, aber er ist Katholik. Mit typisch rheinischem Katholizismus. Wie Jürgen Becker einmal gesagt hat: "Man muss als Kölner so leben, dass man gerade so eben noch in den Himmel kommt - vier minus reicht". Das beherzigt Gereon Rath.

Welche Parallelen gibt es zwischen ihm und Ihnen?

VK: Ich hoffe, dass ich nicht allzu viele seiner schlechten Charaktereigenschaften teile. (lacht) Nein, ich glaube nicht, dass wir uns allzu ähnlich sind. In manchen Situationen wäre ich gerne so tough wie er. Gereon Rath kann gewalttätig sein, wenn er es für nötig hält, ich eher nicht. Romanfiguren sind ja immer etwas extremer als echte Menschen. Ich habe Gereons Charakter bewusst politisch naiv angelegt. Er bekommt viele Dinge, die um ihn herum passieren, nicht mit, zum Beispiel die zunehmende Gefährlichkeit der Nazis, und ich versuche schon, die Augen offen zu halten. Etwas, das ich mir auch für meine Leserschaft wünsche: Sensibel zu sein für gesellschaftliche Veränderungen. Ich habe keine Angst, dass wir wieder eine Naziregierung bekommen, aber mich beunruhigen andere Dinge. Zum Beispiel, dass Konzerne immer mächtiger werden und gleichzeitig die Politik immer ohnmächtiger wird.

Sind Sie als Autor ordentlich oder chaotisch?

VK: Eigentlich beides. Man braucht auch beides, glaube ich. Der kreative Prozess ist erstmal chaotisch. Genauso wichtig wie das eigentliche Schreiben ist aber das Bearbeiten. Und ohne eine gewisse Ordnung und Organisation geht da gar nichts. Auch zum Plotten braucht man Ordnung. Bei den ersten Romanen habe ich mir die Geschichte und das Ende vorher genau überlegt. Aber am Ende sah die Geschichte dann doch immer anders aus, als ich mir das gedacht hatte, das passiert eben im Chaos der Kreativität. Jetzt erstelle ich nur noch einen groben Plot, ohne alles bis ins Kleinste auszuarbeiten. Das macht mehr Arbeit, weil man auch mehr für die Tonne schreibt, aber es ist auch spannender.

Wer darf als erstes neue Manuskripte lesen?

VK: Zuerst einmal meine Frau. Und dann habe ich Testleser - vor allem Leserinnen, inzwischen aber auch einen Mann. Alles ganz normale Leute, Freunde, die gerne lesen. Sie geben mir Feedback. Wenn ich so erfahre - diese oder jene Stelle war zu langweilig, dann setze ich mich nochmal dran. Schreiben ist ein einsamer Prozess, der einzige Dialog, der da stattfindet, ist der zwischen mir und dem Text. Deshalb ist es spannend und wichtig, Rückmeldungen von dritten zu bekommen.

Was machen Sie in Ihrer Freizeit?

VK: Musik. Ich spiele Bass in einer Band, zusammen mit ein paar musikalischen Weggefährten von früher, alles sehr entspannt, die Jungs haben alle was drauf, und keiner will mehr Popstar werden. Außerdem ist unser Bandleader, Markus Ries, einer der besten Songwriter, die ich kenne.

Wie heißt die Band?

VK: The Contrelles. Wir haben sogar eine Website und ein paar Livemitschnitte auf Youtube, aber Konzerte gibt's nur alle Jubeljahre. Nicht einmal die Proben finden jede Woche statt, weil wir alle berufstätig sind und öfter mal was dazwischen kommt. Aber wenn wir dann proben, ist das die beste Entspannung überhaupt. Wenn es akut mal hakt beim Schreiben und ich den Kopf freipusten muss, dann hilft es oft schon, sich ein Viertelstündchen ans Klavier zu setzen. In schlimmeren Fällen schwinge ich mich für eine Stunde aufs Fahrrad. Manchmal brauche ich auch einen Tapetenwechsel, dann gehe ich zum Schreiben ins Café.

Was macht einen guten Krimi aus?

VK: Keine Ahnung. Was ich nicht mag, sind Krimis nach 08/15-Strickmuster. In Fernsehkrimis wie dem Tatort kennt man das. Je nach Uhrzeit weiß man gleich: Ach, jetzt kommt erstmal die falsche Spur. Sowas gibt es in gedruckter Form leider auch. Aber nicht nur, und glücklicherweise ist auch nicht jeder Tatort so. Psychologisch interessante Geschichten interessieren mich. Ich lasse mich auf jedes Buch erstmal ein. Ganz wichtig sind für mich die Figuren, und dass ich diese mag. Das heißt nicht, dass ich sie sympathisch finden muss, sondern dass sie mich interessieren müssen. Wenn die Figuren stimmen, dann verzeihe ich einer Reihe auch mal einen Ausrutscher mit schwachem Plot.

Welche Krimis lesen Sie?

VK: Ich habe da keinen bestimmten großen Autorenhelden, dem ich nacheifern möchte. Ich mag klassische amerikanische Krimis, Raymond Chandler, aber auch Patricia Highsmith. Zeitgenössisch: James Ellroy und Ian Rankin mit den John Rebus-Romanen. Das ist ein solcher Fall, wo ich den Inspektor Rebus als Hauptfigur so mag, dass ich auch die schwächeren Fälle gerne lese. Und dann gibt es da einen Comic-Autoren, den ich sehr schätze: Ed Brubaker mit seiner "Criminal"-Reihe. Aber auch "Gotham Central", "Sleeper" oder "Incognito" sind toll erzählte Geschichten. Oder die Meisterwerke von Alan Moore. Comics sind oft viel komplexer, als gemeinhin angenommen wird. Was als Inspiration für mich ganz wichtig war, ist eine TV-Serie: The Sopranos. Diese neue Art, im Fernsehen Geschichten auf hohem Niveau zu erzählen, mit interessanten Subplots und ungewöhnlicher Figurenentwicklung, Erzählfäden offen zu lassen und in späteren Folgen wieder aufzugreifen oder auch nicht - das war aufregend und neu. Ohne die Sopranos sähen meine Bücher anders aus.

Welche Serien sehen Sie gerne?

VK: Vieles, was nach den Sopranos kam. "The Wire" zum Beispiel, eine HBO-Serie über den Niedergang der amerikanischen Stadt Baltimore. Für mich im Grunde der beste "Polizeiroman", den ich kenne. "Breaking Bad" habe ich sehr genossen. Von "Boardwalk Empire" hatte ich etwas mehr erwartet, aber das wird auch von Staffel zu Staffel besser. Es muss da nicht immer um Kriminalität gehen, ich war auch begeistert von "Six Feet Under". Oder "Mad Men". Das Schöne an dieser Art der Serie ist, dass man die nicht einfach wegfrühstückt. Es wird eine eigene Welt aufgebaut, auf die man sich einlassen kann. Außerdem sind sie toll gespielt und toll inszeniert. Die erste Staffel der Polit-Serie "House of Cards" gefiel mir auch sehr gut. "Homeland" dagegen war weniger mein Ding.

Was erwarten Sie sich von der Verfilmung ihrer Gereon Rath-Reihe?

VK: Ich bin sehr froh, dass Tom Tykwer die Rechte erworben hat, und noch froher, dass er daraus etwas machen will, das mir sehr am Herzen liegt: eine ambitionierte Fernsehproduktion in der Tradition der "Sopranos". Vor einem Jahr haben wir uns das erste Mal getroffen, und das Schöne war: Wir haben uns unterhalten und gemerkt, dass wir ganz ähnliche Vorstellungen und einen ähnlichen Geschmack haben. Zum Beispiel, was Fernsehserien angeht. Und das stimmt mich optimistisch. Andererseits ist man als Autor natürlich schon ein bisschen empfindlich: Mein Roman ist mein Baby. (lacht) Aber ich weiß, dass Umschreiben dazu gehört, um aus einem Buch eine Serie zu machen, und ich habe großes Vertrauen in Tom und sein Team. Im Moment bin ich vor allem gespannt: Wen werden sie für welche Rolle casten, wann geht es weiter mit dem kreativen Prozess? Es ist in jedem Fall ein sehr ambitioniertes Projekt, auch was die Finanzierung angeht.

Gibt es einen Schauspieler, der gut zu Gereon Rath passt?

VK: Da will ich mich gar nicht festlegen, die Entscheidung habe ich auch nicht zu treffen. Beim Schreiben des ersten Romans vor vielen Jahren hatte ich den Schattenmann im Kopf, einen mehrteiligen deutschen Fernsehfilm von Dieter Wedel. Der Schweizer Schauspieler Stefan Kurt spielte da die Titelrolle: einen Typen, der charmant sein kann, ein bisschen ein Womanizer, der aber auch dunkle Seiten hat. Den hatte ich im Kopf, als Gereon Rath langsam Gestalt annahm. Inzwischen ist Kurt leider zu alt, um Gereon Rath zu verkörpern, der ist im ersten Band 30 Jahre alt, aber ein Typ wie er, der würde schon passen. Inzwischen habe ich einige deutsche Schauspieler gesehen, die ich mir als Rath vorstellen könnte.

Und als Besetzung für Gereon Raths Freundin Charly?

VK: Wenn das in Richtung Berliner Göre gehen soll, könnte ich mir Anna Fischer in der Rolle vorstellen, soll es geheimnisvoller angelegt werden auch Alina Levshin. Wir haben so viele tolle Schauspielerinnen in Deutschland, ich bin auf jeden Fall gespannt und lasse mich überraschen. Die einzige Rolle, wo ich sofort sagen würde, da habe ich die ideale Besetzung, das wäre Heiner Lauterbach als Engelbert Rath, Gereons klüngelnden Vater. Ein bisschen spießig mit silbernem Schnurrbart, jovial und streng.

Im neuen Roman feiert Gereon Rath Karneval in Köln. Feiern Sie Karneval?

VK: Ganz oder gar nicht - entweder wir fliehen zum Skifahren oder es wird richtig mitgefeiert. Ich bin in Wipperfürth aufgewachsen, da wird gerne und intensiv Karneval gefeiert. Ich bin kein Typ für Sitzungskarneval. Vielleicht bin ich da auch Lokalzeitungs-geschädigt, da musste ich früher oft zu Karnevalssitzungen. (lacht) Straßenkarneval und in Kneipen feiern gehen, liegt mir mehr. Und Kostüme haben wir genug zuhause. Meine Frau und ich sind schon als Kölschgläser gegangen. Einmal auch im ABBA-Kostüm in Siebzigerjahre-Klamotten und mit blonder Perücke. Und mit der kleinen Tochter waren wir vor Jahren mal als Indianerfamilie verkleidet, das war ganz süß mit der Kleinen.

Bis in welches Jahr wollen Sie Gereon Rath ermitteln lassen?

VK: Auf jeden Fall will ich im achten Band die Kulisse von Olympia im Jahr 1936 mitnehmen. Dann ist auch der Moment gekommen, wo Rath auf dem Polizeidienst ausscheiden wird. Auf welche Art, ist noch offen. Ihm soll zum Ende hin einiges klar werden. Dass es zum Beispiel ein Unterschied ist, ob er einen Sozialdemokraten als Chef hat, oder einen Nationalsozialisten, auch wenn beide den Job des Polizeipräsidenten nur über ihr Parteibuch bekommen haben. Der Reiz ist schon da, die Reihe auch noch bis ins Jahr 1938 weiterzuführen. Das wäre dann der neunte Band. Und ein sehr düsterer Abschluss. Je länger ich darüber nachdenke, umso reizvoller erscheint mir das. Aber vielleicht erzähle ich statt mit Gereon Rath auch mit einer der anderen Figuren weiter.

Gibt es ein Happy End für Gereon und Charly?

VK: Was ist ein Happy End? Sie lebten glücklich bis in alle Tage? (lacht) Nein, das natürlich nicht. Und die Beziehung der beiden ist auch keine einfache. Charly ist emanzipiert und Rath in mancher Hinsicht doch in alten Denkmustern verfallen. Da sind Probleme absehbar. Gleichzeitig ist Charly für Gereon sicher der wichtigste Mensch auf Erden. Und sie ist wichtig als Kontrastfigur zu Gereon.

Ist Gereon Rath ein Romantiker?

VK: Einerseits ja. Andererseits ist er aber auch jemand, der Romantik nicht lange erträgt und deshalb entsprechende Situationen durch einen Witz kaputt machen muss. Da sind wir uns doch wieder ähnlich. (lacht)

Würden Sie Ihre Hauptfigur auch sterben lassen?

VK: Wenn ich diese Entscheidung getroffen hätte, würde mir das nicht schwerfallen. Noch habe ich es nicht vor. Aber als Autor muss man in der Lage sein, lieb gewonnene Figuren auch sterben zu lassen, wenn es dramaturgisch richtig ist. Solange keine Annie Wilkes einen daran hindert.

Sind weitere Projekte geplant?

VK: Im Moment arbeitet der Berliner Comiczeichner Arne Jysch gerade an der Adaption des ersten Rath-Romans "Der nasse Fisch", der bei Carlsen als Graphic Novel erscheinen soll. Arne und ich stehen in engem Kontakt, und ich bin sehr gespannt, was daraus wird. Sie wissen ja: Ich liebe Comics.

Vielen Dank für das Gespräch. (sab)

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