Frühstückspause: Kabarettist Jürgen Becker, Foto Jürgen Rieger
Jürgen Becker

Jürgen Becker: Kabarettist mit Kunstsinn

Er hat strahlend blaue Augen und trägt gern karierte Hemden. Doch Jürgen Becker ist weder blauäugig noch kleinkariert. Der graue Wuschelkopf mit dem verschmitzten Lächeln nimmt kein Blatt vor den Mund. Ob Kölle, Kirche, Klüngel oder Kunst - der Kabarettist nimmt sie alle auf die Schippe.

Der Unterschied zwischen Kleinkunst und Kunst? "Kabarettisten kann man nicht übers Sofa hängen. Wenn mans doch tut, passt er womöglich nicht recht zur Couchgarnitur." So hört sich ein typischer Becker-Witz an. Der Kabarettist und Fernsehmoderator ist eine feste Größe in der deutschen Unterhaltungslandschaft. 

Stunk mit Irokesen-Heinz

Zum Kabarett kommt Becker, der 1959 in Köln geboren ist, über Umwege. Das Gymnasium muss er wegen zweimaligen Sitzenbleibens verlassen. Nach dem Realschulabschluss wird er grafischer Zeichner, holt dann auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nach und studiert an der Fachhochschule Sozialarbeit. Schließlich macht er sich mit einer Druckerei selbstständig.

Doch Becker hat Humor und den möchte er gern mit anderen teilen. 1983 gründet er zusammen mit Gleichgesinnten die Kölner Stunksitzung. Ab 1984 ist er elf Jahre lang als "Irokesen-Heinz" deren Präsident. 1985 sieht er den Kabarettisten Hanns Dieter Hüsch auf der Bühne, schaut sich fünfmal dessen Programm "Und sie bewegt mich doch" an. Als finanzschwacher Student schleicht er sich viermal ohne zu bezahlen nach der Pause ein. Mehrfach spricht er mit Hüsch persönlich. Dann beschließt Becker: Das will ich auch machen. Mit Wolfgang Nitschke und Heiner Kämmer bildet er das Kabarett-Trio 3 Gestirn Köln 1. Doch 1991 steigt er aus. Seitdem tourt er als Solokabarettist quer durch Deutschland.

Zwischen Biotop und Minarett

Bereits sein erstes Programm "Biotop für Bekloppte" ist ein großer Erfolg. Zu der rasanten Rallye durch 2000 Jahre Kölner Stadtgeschichte strömen rund 150.000 Besucher bei 300 Vorstellungen. Es ist ein humoristischer Blick auf die Historie von Kölle mit gewagten Interpretationen: Der erste Präsident eines Karnevalsvereins war Jesus. Das behauptet jedenfalls Becker. Kirche und Religion gehören ohnehin zu den Lieblingsthemen des kritischen Katholiken. "Religionen müssen etwas verkaufen, was noch nie jemand gesehen hat", witzelt er. Die Ähnlichkeiten und Unterschiede von Katholiken, Evangelen, Moslems und Juden bringt er mit Humor auf den Punkt. Er will den Dialog fördern. Darum tritt er im Veranstaltungsraum der Duisburger Moschee auf. "Kabarett am Minarett" lautet das Motto.

Frühstückspause nach Mitternacht

Der Entertainer ist auch in den Medien präsent. Jeden Freitag um zehn vor elf trifft sich Becker mit Didi Jünemann zur satirischen "Frühstückpause". Seit 1990 nehmen die beiden Kabarettisten in der WDR 2-Radiosendung aktuelle politische Ereignisse auf die Schippe. Im Fernsehen (WDR 3) moderiert Becker gemeinsam mit Wilfried Schmickler mehrmals im Jahr die Kabarettsendung "Mitternachtsspitzen". Der Unterhaltungskünstler hat verschiedene Auszeichnungen erhalten, darunter die Morenhovener Lupe, den Prix Pantheon, den Rheinlandtaler und den Horst-Konejung-Preis.

Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört

Über sein Privatleben dringt wenig an die Öffentlichkeit. Becker heiratet 1995 die WDR-Redakteurin Gabriele Balkhausen. Im selben Jahr kommt Tochter Ronja, auch Randi genannt, zur Welt. Als Becker 2011 das 20 Jahre alte Programm "Biotop für Bekloppte" als Theaterstück für Kinder auf die Bühne bringt, gehört Randi zum Ensemble.

Becker ist begeisterter Motorradfahrer und stolzer Besitzer von zehn Maschinen, darunter verschiedenen Oldtimer-Modellen. Auf Tournee fährt er oft mit dem Motorrad zu den Auftritten. Seine Leidenschaft wird ihm beinahe zum Verhängnis. Im März 2014 baut Becker in der Nähe von Hamburg mit seiner Honda Jade 250 einen schweren Unfall. Trotz erheblicher Verletzungen kommt sein unverwüstlicher Humor nicht zu Schaden. Mit gebrochenem Becken und eingegipsten Armen zitiert er im Krankenhaus Willy Brandt: "Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört."

Autorin: Clivia Kelch-Rade

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