Die Ursula-Legende

Der Kölner hat aber auch Spaß im Leben. Schon damals. Da nahm er Rom auf die Schippe und verkaufte Legionärsknochen als Ursula-Reliquien. 

In der Kölner Ursula-Kirche nahe dem Breslauer Platz hängt eine unscheinbare Kalksteintafel aus dem 4. oder 5. Jh. Sie trägt den Namen des Stifters: Clematius und zu lesen ist: der Mann aus einer Senatorenfamilie habe göttliche Visionen gehabt und daraufhin den Bau der Basilika selbst finanziert. An einem Ort, „wo heilige Jungfrauen im Namen Christi ihr Blut vergossen“. Genauere Angaben zum Tathergang, geschweige denn Namen und Zahl der Jungfrauen erwähnt die Inschrift nicht. Und wer weiß, vielleicht war es ja alles ganz anders. In den Ursula-Legenden stammen die heiligen Jungfrauen mal aus der Bretagne, mal aus Britannien.

Fakt ist: um das Jahr 305 wütete unter den Kaisern Maximian und Diokletian im heutigen Großbritannien die Christenverfolgung. Möglicherweise flohen einige Verfolgte bis nach Köln und trugen so einen Teil zur Ursula-Geschichte bei.

Ohne Düsseldorf keine Kölner Stadtpatronin

Die Geschichte der „Heiligen Jungfrauen“ wäre vermutlich ohne die Düsseldorfer unbekannt geblieben. Aus dem dortigen Stadtteil Gerrisheim flohen um das Jahr 900 die Kanonissen vor den Ungarn. Im Stiftsgebäude nahe der heutigen Ursula-Kirche fanden sie Zuflucht. Erzbischof Hermann I errichtete in dieser Zeit Gedenkstätten mit elf Kammern für Reliquien, sogenannten Loculi. Möglicherweise ist so die Zahl Elf entstanden. In den Ursula-Legenden werden später 11.000 daraus. Manche behaupten, wegen einem Lesefehler: XI.M.M. steht für 11 martyres virgines, nicht für 11 milia virgines.

Hunnen-Trauma

Die Ungarn hatten das Stift der Gerrisheimer Kanonissen abgefackelt und die Insassen ermordet, verschleppt oder im besten Fall vertrieben. Dafür müssen in der Ursula-Sage die Hunnen dran glauben. Die ungläubigen, grausigen Gesellen metzeln Ursula und Konsorten. Danach werden sie selber von Engeln in alle Winde verschlagen. Die Gebeine der Jungfrauen begraben die Kölner vor den Mauern ihrer Stadt.

Tschüss Pinnosa, hallo Uschi

Aus dem 9. Jh. stammen die ersten Namen der heiligen Jungfrauen. Die Anführerin hieß allerdings nicht Ursula sondern Pinnosa und war eine englische Prinzessin. Deren Knochen mussten die Kölner dummerweise an das wieder entstandene Gerrisheimer Stift abgeben. Von dort gelangten Sie nach Essen. Woher aber kommt der Name Ursula? Manche glauben an eine Fehlübersetzung. Andere sagen, er stamme von einem naheliegendem Grab oder sogar einem Kindergrab. Vielleicht ist der Name Ursula auch ein Symbol für die Tapferkeit, schließlich ist sie wie eine Bärin (ursus = der Bär) in den Märtyrertod gegangen.

Kölns Verkaufshit? Knochen!

Der echte Handel begann mit den Knochenfund auf dem Agar Ursulanis. Fakt ist: Rund um das Jahr 1100 erweitern die Kölner ihre Stadtmauern und stoßen dabei auf ein Gräberfeld nahe der Ursula-Kirche. Der sogenannte Agar Ursulanis erweist sich als wahre Goldgrube. Einerseits stützt er den Wahrheitgehalt der Ursula-Legende, andererseits sorgt er für gute Geschäfte. So viele Knochen lassen sich eben gut verkaufen! Die Kirche verbietet in dieser Zeit den Reliquienhandel mit nackten Knochen. Die Kölner finden allerdings eine Lücke. Sie stecken mal mehr, mal weniger Gebeine in ein Reliquiar, schon ist´s legal und das Geschäft läuft. Aus Holz geschnitzte Mädchenköpfe, gefüllt mit alten Knochen, sind der Kölner Exporthit des Mittelalters. Die Gebeine kommen vom Agar Ursulanis, einer schier unerschöpflichen Quelle. Doch die Knochen stammen nicht von den elftausend Jungfrauen. In Wirklichkeit haben die Kölner bei Ausweitungsarbeiten der Stadtmauer ein römisches Gräberfeld entdeckt und verkaufen nun munter  auch die Gebeine der antiken Vorfahren an alle Welt. 1393 beendet der Papst das Treiben. Da sind allerdings schon rund 12.000 Ursula-Reliquien im Umlauf.

Jungferninsel, Kap der Jungfrauen und Oberurselim

Ursula zeigt weit über Köln hinaus Wirkung. Kolumbus nannte die Jungferninseln nach ihr. Sie ziert das Wappen der britischen Karibikinseln. Am 21. Oktober entdeckte Magelan seine Magellanstraße, daher das Kap der Jungfrauen. Und bei uns steckt die Ursula in der Stadt Oberursel im Taunus. (sb)


Teil 1: Heilige Ursula

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