Johannes Büchs im Gespräch über TV und Kinder, sab
Johannes Büchs im Porträt

Johannes Büchs über Unis und TV für Pänz

Viele Pänz kennen ihn aus der Sendung mit der Maus. Am 23. Juni 2014 haben wir mit ihm darüber gesprochen, wie Fernsehen auf Kinder wirkt, warum er Kinder-Unis mag und was er für seine nächsten Sendungen plant.


Was gefällt Dir am Konzept der KinderUni?

JB: Als ich selber auf die Uni gegangen bin, hatte ich keine Ahnung, was mich da erwartet (lacht). Irgendwie war das so selbstverständlich: Nach Schule, Bundeswehr oder Zivi - da geht man auf die Uni. Weil meine Eltern vielleicht auch studiert haben. Aber wie cool ist das, wenn man zu einem Zeitraum, wo das noch gar nicht zur Debatte steht, mal einen Blick hineinwerfen kann in eine unbekannte Welt. Daher glaube ich, es ist was richtig Wichtiges. Vor allem für Kinder, deren Eltern vielleicht nicht an der Uni waren, oder die sonst keine Berührung haben mit Universität.

Was bringt es, Kinder an die Uni zu holen?

JB: Den Kindern kann es unter Umständen ein bisschen Respekt nehmen: Universität – was ist denn das? Das klingt so superschlau. Ich glaube aber, viele Dinge, um die es an der Universität geht, kann man auch einem Kind erklären. Und warum sollen die davon nicht auch einmal ein kleines Häppchen abbekommen, damit sie wissen, auf was sie sich vielleicht später einlassen, wenn sie auf eine Uni gehen. Oder damit sie wissen, wofür es sich lohnt, ein gutes Abi zu machen, damit sie tatsächlich das studieren können, was sie wollen.

Wärst Du als Kind selbst auch gerne zu einer Veranstaltung der KinderUni gegangen?

JB: Ja! Und ich glaube, es kommt extrem darauf an, dass Erzieher, Lehrer, Gruppenleiter, Fernsehmoderatoren, wer auch immer, den Einfluss den sie auf Kinder haben nutzen, damit sich ihnen eine Tür öffnet, die ansonsten verschlossen bleibt. Und damit sie inspiriert werden, etwas anderes zu tun, als sie sonst so machen.. Aber welches Kind kommt schon von selbst auf die Idee, in eine Uni rein zu spazieren und zu sagen: Hallo, ich will mal wissen, was hier so passiert? Oder in ein Theater? Oder ins Museum? Das ist unsere Aufgabe, den Kindern  andere Welten schmackhaft zu machen.

Du hast Informationswissenschaft, neuere deutsche Sprachwissenschaft und Wirtschaftsinformatik studiert. Wie war das?

JB: Ich erinnere mich sehr gerne an meine Studienzeit. Nicht nur, weil ich gerne und auch interessante Fächer studiert habe. Ich habe mich auch ganz viel an der Uni engagiert: Ich war in der Studierendenvertretung. Ich habe in der Fachschaft sehr viel für unser Fach Informationswissenschaft gekämpft, das von der Schließung bedroht war. Die Universität ist einfach sehr viel mehr als nur ein Ort, wo ich ein Studienfach studieren kann. Da kommen unglaublich viele junge Leute zusammen und treffen auf interessante Lehrende und Forschende. Wenn man da den Geist nutzt und die Angebote, die es gibt, dann ist es großartig. An meiner Uni in Saarbrücken gab es eine spanisches Theater-AG, den Philosophie-Club oder den Debattier-Club. Oder allein das Hochschul-Sportprogramm.  Oder die politischen Vereinigungen der Studierenden, wo man sich für die Belange der Studierenden einsetzen konnte. Das alles ist auch Uni!

Was macht Dir am Fernsehmachen Spaß?

JB: Fernsehen ist ein ganz tolles Medium, weil man mit dem Fernsehen Zeit sparen kann. Man kann eine Geschichte, die tatsächlich zwei, drei oder zehn Tage dauert, innerhalb von 25 oder zehn Minuten erzählen. All das Uninteressante oder was man sich denken kann, das schneiden wir raus und konzentrieren uns auf das Spannende und Entscheidende. Das lassen wir drin und machen es zu einem Konzentrat dieser Zeit. Das ist das Faszinierende am Fernsehen!

Erinnerst Du Dich an einen besonders schönen Moment?

JB: Ich habe mal Jasmin treffen dürfen: Jasmin hat nur ein halbes Herz. Es ging damals in der Sendung um das Thema Organspende und wir haben jemanden interviewen wollen, der auf ein Organ wartet. Jasmin wartete schon anderthalb Jahre auf ein neues Herz. Sie hat ein richtig schweres Schicksal. Und trotzdem ist Jasmin ein richtig glückliches Mädchen und hat so einen Lebensmut – das war unglaublich inspirierend. Ich glaube das war mit die schönste Sendung, die ich moderieren durfte und einer der schönsten Momente in meinem Fernsehleben (zur Sendung)

Was siehst du als Gefahr, wenn es um Kinder und TV geht?

JB: Dass Kinder alleine Fernsehen gucken. Als Elternteil hat man vielleicht das Gefühl: Das ist der Kinderkanal oder das Familienprogramm samstags oder sonntags im Ersten, da kann ich mein Kind unbedenklich gucken lassen. Das stimmt eigentlich auch. Es ist aber viel besser, wenn ich als Erwachsener nebendran sitze und das was gezeigt wird, mit meinem Kind diskutieren kann. Dann kann es Fragen stellen und wird mit der Interpretation nicht allein gelassen. Selbst eigentlich harmlose Inhalte oder nicht so spannende Geschichten können auf Kinder manchmal verstörend wirken, weil sie den Zusammenhang noch nicht richtig verstehen. Oder es für sich ganz anders interpretieren, als wir Erwachsene das mit unserer Lebenserfahrung und unserem Weltwissen im Hintergrund tun. Fernsehen macht so viel schlauer, wenn ich das, was ich gesehen habe, besprechen kann. Und außerdem sind ganz viele Kinderprogramme so gestrickt, dass sie auch für Erwachsene interessant sind. Also wir von neuneinhalb achten darauf.

Wann hast Du das erste mal ferngesehen?

JB: Ich war zehn Jahre alt. So lange hat es gedauert, weil meine Eltern davor keinen Fernseher hatten. (lacht) Und ich bin den Menschen in der ehemaligen DDR noch heute dankbar. Denn die haben für ein einiges Deutschland demonstriert. Und das fand mein Vater, alter Berliner, so interessant, dass er gesagt hat, das muss er sehen. Die sogenannten Montagsdemonstrationen in Leipzig, die wollte er im Fernsehen sehen, denn diese Stimmung transportiert sich nicht über einen Artikel in der Zeitung. So bekamen wir mit dem Prozess der deutschen Einigung einen Fernseher. Und das war gut. Vielen Dank, liebe Ossis!

Hattest Du eine Lieblingssendung?

JB: Ich habe alles geschaut. (lacht) Wir hatten nur drei Programme. Und auch die schlimmsten, langweiligsten Sendungen habe ich geguckt. Am Anfang zum Beispiel gerne eine Familiensoap, die hieß glaube ich „Hi Dad“. Wenn man nicht aufgewachsen ist mit einem Fernseher, und mit zehn Jahren noch nicht gelernt hat, damit umzugehen, ist es unglaublich verlockend, viel Fernsehen zu schauen. Deshalb ist es wichtig, die Kinder früh aber langsam an das Medium heran zu führen. Auch mit drei Jahren können sie super gut die Sendung mit dem Elefanten gucken, aber bitte in Begleitung eines Erwachsenen.  Und man sollte Familien-Fernseh- Regeln haben – z.B. dass man nur  eine halbe Stunde am Wochenende gucken darf. Oder am Wochenende zweimal eine halbe Stunde.

Wie hat sich die Fernsehlandschaft für Kinder verändert?

JB: Es gibt immer mehr Angebote. Eine große Konkurrenz ist auf der einen Seite gut, das belebt und sorgt für Vielfalt. Auf der anderen Seite haben wir als öffentlich-rechtliche Fernsehmacher andere Ansprüche als die privaten. Wir wollen mehr als nur unterhalten. Selbst bei einer unterhaltenden Sendung wie „Kann es Johannes?“ wollen wir,  den Zuschauern mehr als nur eine spannende halbe Stunde liefern. Wir wollen, dass  Kinder richtig Lust auf Sport bekommen.  Und dass Jungs mit dem Testosteron, was sie in den Adern haben, besser umgehen können. Das sind Fragen wichtig: Wie gehe ich eigentlich mit jemandem um, den ich besiegt habe? In einem sportlichen Wettstreit: Was brauche ich für Regeln, wenn ich mich mit jemandem messen möchte? Wie kann ich meine Energie, die ich habe, loswerden und in Bahnen lenken, die unsere Gesellschaft toleriert oder voranbringt? Sport ist dafür ein unglaublich tolles Mittel. Bei „Kann es Johannes?“ hängt das alles mit drin in der Sendung. Das ist uns – hoffe ich -ganz gut gelungen, ohne dass man einen erhobenen Zeigefinger im Bild sieht. Aber es ist auch schwieriger, wenn man den Anspruch hat, mehr zu tun als zu unterhalten. Anders als wenn man eine Anime-Zeichentricksendung macht, wo ein Roboter nach dem anderen mit thermonuklearen Bomben zerstört wird. So etwas gibt es im Kinderfernsehen leider auch.

Was schaust Du Dir im Fernsehen heute gerne an?

JB: Im Moment gerade die Fußball-Weltmeisterschaft. Da fällt es mir manchmal auch schwer, abzuschalten. Ich habe sogar mal eine Halbzeit um zwölf Uhr geguckt. Aber eigentlich komme ich im Moment wenig zum Fernsehen. Ich bin ein traditioneller Tageschau-Gucker um 20 Uhr.  Das Morgenmagazin gucke ich gerne ab und zu und ich schaue auch in andere Kinderprogramme rein. Aber insgesamt bin ich eher ein Mediathek-Gucker als ein Fernsehgucker. Eine schöne Dokumentation schaue ich mir auch bewusst an.

In einem Interview hast Du einmal gesagt, dass dem WDR-Team und Dir bei der Sendung „Kann es Johannes?“ wichtig war, vor allem Jungen anzusprechen. Warum?

JB: Jungs haben ein großes Problem. Jungs haben das Bedürfnis, Grenzen zu überschreiten. Und das ist was Hormonelles, das kann man erklären. Es gibt den tollen Jungen-Forscher Reinhard Winter. Mit ihm haben wir mal einen Workshop gemacht, in dem er uns sehr weiter geholfen hat. Er hat uns erklärt, dass dieses Bedürfnis Grenzen zu überschreiten mit dem Hormon Testosteron zu tun hat. Grenzen austesten ist erstmal gut,  weil ich etwas Neues ausprobiere. Dazu gehört auch, mich zu messen, den sozialen Status auszutesten. Die Frage ist aber: Wie gehen wir damit um, dass Jungs sich messen wollen, kämpfen, raufen, Grenzen überschreiten, ausbrechen. Wie kann ich jemandem einen Rahmen bieten, der eigentlich den Rahmen verlassen möchte? Das mit zu bedenken, wenn man eine Fernsehsendung macht, finde ich ganz  wichtig. Ich hoffe, dass wir das mit „Kann es Johannes?“ schaffen, Jungs zu erreichen, die sonst eher gewalttätige Zeichentrickfilme schauen würden.

Gibt es zu wenig qualitativ hochwertiges Fernsehen für Jungs?

JB: Ja, ich finde es könnte ruhig noch eine Handvoll mehr Sendungen geben, die an die spezifischen Sehgewohnheiten von Jungs andockt. Die Möglichkeiten aufzeigen, sich zu messen, zu kämpfen und Grenzen auszutesten. Aber das in einem sinnvollen Rahmen, der sicherstellt, dass es der Entwicklung eines Jungen nicht schadet, sondern hilfreich ist.

Wie sieht ein positives männliches Vorbild für Jungen aus?

JB: Das ist jemand, der Lust hat, andere herauszufordern. Der sich gerne misst, aber auch ein guter Verlierer ist und ein zelebrierender und respektvoller Gewinner. (lacht) Jemand der Verantwortung übernehmen kann. Ich glaube, das ist der Schlüsselbegriff für positive Vorbilder für Jungs. Denn wo kann man einen Jungen packen, wenn Mama und Papa aus dem Haus gehen? Indem man ihm sagt: Jetzt musst Du die Verantwortung übernehmen. Das geht vielleicht bei einem Mädchen genauso. Aber ich glaube schon, Verantwortung zu übernehmen ist eine zutiefst männliche Eigenschaft, die tief in unseren Genen drinsteckt. Und es ist eine tolle Eigenschaft.

Wie geht Ihr mit Geschlechterklischees um?

JB: Spielerisch! Wir hatten die Sendung zum Thema Kickboxen und beim Casting war ein Mädchen die Beste. Wir haben uns gefreut, dass ein Mädchen mir Kickboxen beigebracht hat.. Bei Voltigieren in der nächsten Staffel haben wir hoffentlich auch einen Jungen im Casting. Aber am Ende ist es nicht so wichtig, ob ein Junge oder ein Mädchen Trainerin oder Trainer wird. Mädchen gucken die Sendung ja auch sehr gerne. Und zwar nicht nur Sendungen, die klassische Mädchensportarten bedienen.

Wann wird die dritte Staffel von „Kann es Johannes?“ gedreht?

JB: Wir sind gerade im Prozess, Kinder zu finden. Wir haben Sportarten definiert. Eine habe ich schon genannt, Voltigieren. Und eine zweite verrate ich auch noch: Torhüter beim Fußball. Über die anderen vier wollen wir noch nicht reden. Alles steht und fällt ja damit, die richtigen Kinder zu finden. Die diesen Rollentausch machen können, einem Erwachsenen etwas als Trainer beizubringen. Das ist eine unglaublich große Herausforderung. Kinder, die eine Sportart nicht nur beherrschen, sondern sie auch erklären können. Und die auch noch geduldig sein müssen – denn ich bin der Schüler (lacht).

Hast Du neue Ideen für Fernsehsendungen?

JB: Ich habe dauernd neue Ideen und eine ganze Schublade voll damit. Meistens finde ich sie nur zwei Wochen toll. Aber wenn ich sie nach zwei Wochen immer noch toll finde und es nicht im Papierkorb gelandet ist, dann ist es ein gutes Format, das sich lohnt, es zu verfolgen.

Noch eine Frage zum Schluss: Ist KinderUni ähnlich wie Schule?


JB: Ich glaube, manchmal schreckt der Begriff Universität ab. Er klingt nach Schule hoch zwei. Noch herausfordernder, noch komplizierter, vielleicht noch länger. Aber Uni ist viel besser als Schule (lacht). Viel viel besser. Ich war ein durchschnittlicher bis guter Schüler. Aber ich bin richtig aufgetaut an der Uni. Weil die Uni ein toller Ort ist. Und wenn ein Kind zögert, ob es sich die Uni wirklich ansehen will und denkt, es ist vielleicht sowas wie Schule, dann will ich ihm sagen: Nein, es ist nicht wie Schule, sondern zehnmal cooler!

Vielen Dank für das Gespräch. (sab)

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