Kommen Sie bitte nur, wenn sie gesund sind!

Oha, die Welt der Kranken veränderte sich. Die Gesetzliche Krankenkasse heißt plötzlich Gesundheitskasse. Ein PR-Gag? Die Krankenhäuser und Rettungsdienste nehmen das sehr wörtlich. Also: Wer heute wirklich malade ist, sollte bloß nicht in die Notaufnahme oder einen Krankenwagen rufen. Falls doch, informieren Sie sich genauestens, was die Mediziner finden sollen.

Ein Fallbeispiel von Cornelia Bremer

Ich habe mit zunehmendem Alter unter erhöhtem Blutdruck zu leiden. Und lernte schnell den Fachbegriff Hypertonie. Man will ja im Rettungswagen nicht wie ein Laie daliegen.

Eines Nachts wachte ich auf und sah alles verschwommen. Mein Kopf dröhnte, mir war schlecht und mein niedliches Blutdruckmessgeräte Marke „Aldi-Sonderangebot“ zeigte einen Wert von 195/130. Doch zögerte ich, den Notruf zu wählen.

Als Laie weiß ich: Zitrusfrüchte senken den Blutdruck, Aspirin ist in einer solchen Situation auch nicht ohne. Ich nahm beides, um auf alle Fälle zu verhindern, zu dieser unchristlichen Zeit Sanitäter wie Notarzt aus dem wohlverdienten Schlaf zu reißen.

Die Zeit verging, der Blutdruck stieg und der Satz meines Vaters klingelte mir in den Ohren: In unserer Familie sind alle an einem Schlaganfall gestorben.

Panik!

Doch war ich wirklich ernsthaft reif für den Rettungswagen? Mein Gehirn rotierte, ich wurde nervös – an Schlaf war nicht mehr zu denken. Erschwerend kommt bei aller Hypertonie noch hinzu: Ich habe nur eine Niere, ein Geburtsfehler. Grund genug diese eine zu hegen und zu pflegen. Nur schädigt hoher Blutdruck – Verzeihung: Hypertonie – die Nieren und geschädigte Nieren erhöhen den Blutdruck – hatte meine Hausärztin mir erklärt.

Too much information, um den Blutdruck nachhaltig zu senken.

Die Zeiger der Uhr zeigte vier Uhr morgens.

Mein Blutdruckmessgerät zeigte 208/195.... War ich JETZT gefährdet genug? Ich zögerte immer noch.

Vielleicht noch ne halbe Tablette gegen den hohen Blutdruck? Oder noch ne halbe Zitrone? Oder noch eine Aspirin – nur wurde mir davon immer schlecht. Im Ernstfall könnte mir der Notarzt unterstellen, ich hätte meinen gesundheitlichen Zustand mit Absicht herbeigeführt, um ihn zu wecken!

Ich legte mich wieder ins Bett. Die Welt drehte sich um mich, der Kopf platze fast. Meine Augen hatten auf Bodennebel umgeschaltet. Dann stellte sich ein leichtes Kribbeln auf der linken Gesichtshälfte ein. Subjektiv von mir als Lähmungserscheinung wahrgenommen.

Panik!

4 Uhr 30. Ist das noch Nachtdienst?

Ich befragte noch einmal das Blutdruckorakel aus dem Aldi: 215/165. Na ja, immerhin der zweite Wert war gesunken. Ich nahm das als gutes Zeichen – oder als fehlerhafte Messung.

Es ging mir schlecht, ich bekam Herzrasen und Atemnot!

4 Uhr 45 Ich rief die 110 an. „Sind Sie sicher, dass Sie einen Schlaganfall haben?“ Ähm, wie meinen?

„Na ja, könnte es auch eine Panikattacke sein?“ Ähm, welche Antwort ist an dieser Stelle die richtige?

Und wie unhöflich durfte ich in diesem Moment werden. Mein Leben hing an einem seiden Faden! Ausgerechnet das Rettungspersonal zu brüskieren erschien mir nicht zielführend im Sinne meiner Überlebenschancen.

„Wenn ich Medizin studiert hätte, bräuchte ich Sie nicht anzurufen!“ Gut, diplomatisch ist anders! Aber Euer Ehren, ich stand kurz vor einem Schlaganfall.

„Ich schicke einen Wagen vorbei!“

Bitte nicht nur vorbei, die sollen auch reinkommen , oder hätte ich das explizit erwähnen sollen? Ich könnte noch schnell einen Kuchen backen und Kaffee aufsetzen?

Ich schleppte mich zur Tür, empfand auf meinen 107 qm eine leichte Desorientierung und öffnete die Haustür, als ich bereits das Blaulicht auf den Hof fahren hörte.

Ich rutschte in die Knie, mir war schlechter als schlecht, ich erkannte den Notarzt nur schemenhaft.

„Was können wir für Sie tun?“ Sprechen fiel mir schwer, doch ich riss mich zusammen – immerhin war der Mann extra meinetwegen aufgestanden.

Ich stammelte etwas von hohem Blutdruck und Sehstörungen und leichten Lähmungserscheinungen in der linken Gesichtshälfte.

Sein Blick traf mich wie tausend Nadelstiche: „Es gibt keine leichte Lähmung. Entweder ist es gelähmt oder nicht! Haben Sie Kinder?“

Die Frage irritierte mich an dieser Stelle...ich nickte zögerlich.

„Dann waren Sie vermutlich nicht leicht schwanger?“ Grmpf....er hatte recht! Hatte er?

Ich fühlte mich ertappt und wie der eingebildete Kranke. „Wie hoch ist denn Ihr Blutdruck?“

Ich sagte ihm den letzten gemessenen Wert und ahnte: es war nicht hoch genug! „Deshalb rufen Sie uns mitten in der Nacht an?“

Sorry, ich fand meine Trommeln nicht, anrufen war einfacher. Doch ich schwieg schuldbewusst.

Und mitten in der Nacht? Mittlerweile war es sicher halb sechs – die Sonne war schon aufgegangen. Ich schwieg ...

„Also, ich gebe Ihnen jetzt eine Spritze gegen die Panik und das nächste Mal erkundigen Sie sich bitte, wie sich ein Schlaganfall äußert!“

Jawoll, Sir. Sicher Sir. Ja, mein Captain! Ich war eindeutig im Club der toten Ärzte.

Der Rettungswagen fuhr wieder – dieses Mal ohne blaues Licht. Ich verkroch mich in mein Bett und schlief ein.

Ich träumte von einer Insel mit blauem, blinkendem Licht – und fand mich in einem großen Topf auf offenem Feuer wieder und begann zu schwitzen. Um mich herum tanzten Männer mit Skalpellen und Blutdruckmessgeräten in den Händen.

„Sie hat den Medizinmann geweckt, kocht sie, straft sie, esst sie!“ Panik stieg in mir hoch.

Dann spürte ich eine feuchte Nase in meinem Gesicht – mein Hund erlöste mich aus diesem Albtraum.

Ich hab mich dazu entschieden, keinen Rettungswagen mehr zu rufen, bevor sich echte Lähmungen und der Tod einstellen. Nur wer öffnet dann die Tür? Und entschuldigt sich?