Goldschmiedin Gisela Nicolaysen und ihre Arbeiten, Fotos von links nach rechts: Gisela Nicolaysen, Michaela Patschurkowski, Gisela Nicolaysen
Goldschmiedin Gisela Nicolaysen und ihre Arbeiten, Fotos von links nach rechts: Gisela Nicolaysen, Michaela Patschurkowski, Gisela Nicolaysen

Kölsche Goldschmiedin: Gisela Nicolaysen

Ob der Dreikönigenschrein im Dom, das Kölsch im Brauhaus oder das "Braune Gold", der Kakao im Schokoladenmuseum: Gold ist eine kölsche Farbe. Das sieht auch Gisela Nicolaysen (52) so. Gemeinsam mit fünf Gold- und Silberschmieden aus der Domstadt hat sie die Pritsche 2.0 gemacht, das Szepter seiner Tollität Prinz Karneval. Die Goldschmiede-Meisterin im Porträt.

Trotz Plastiksitz irgendwie stilecht, denke ich. Mein Blick wandert aus dem Fenster der KVB Richtung Longerich. In eine Goldschmiede fährt man halt auf Schienen. Goldschmiede? Zwerge tief unten im Berg? Zauberringe und unermessliche Schätze? Fehlanzeige: Die Tür des Hauses ist aus Holz und nicht nur bei Vollmond sichtbar.

Immerhin ein Vorurteil wird bestätigt: Die Werkstatt ist im Keller. Hier treffe ich auf merkwürdig geformte Arbeitstische aus Holz. Auf Werkzeug, dessen Namen ich jetzt noch nicht kenne. Anken, antiklastische Riegel und Scharnier-Böckchen, erklärt die Meisterin später. Natürlich auch Lampen und Lupen, Blech und Draht. So lapidar heißt hier der Stoff, aus dem die goldenen Träume sind.

Einmal Köln – Florenz und zurück

Gisela Nicolaysen hat Kaffee gekocht und Kuchen gebacken. Mit 16 ist die gebürtige Kölnerin der Leidenschaft für Gold und Juwelen erlegen. Also macht sie ein Praktikum. Das ist heute normal, für damalige Verhältnisse aber ungewöhnlich. Nach dem Abitur geht Gisela in Nippes in die Lehre.

Als Gesellin zieht es sie in die Ferne, nach Italien, Florenz. "Studienaufenthalt" nennt sie das und berichtet von den netten Florentiner Goldschmieden. Die sind eine reine Männerdomäne und wissen mit dem weiblichen Gesellen aus dem Norden in der Werkstatt nicht viel anzufangen.

Nach fünf Jahren Gesellenzeit in Kölner Betrieben macht Nicolaysen ihren Meister. Seither ist sie selbständig. So auch Ehemann Jörg (54). Den Grafiker hat sie vor 27 Jahren auf einer Party in der Kölner Südstadt entdeckt. "Mit auffälligen Löckchen und einer sehr zugewandten Art."

In diesem Jahr feiern Grafiker und Goldschmiedin Silberhochzeit. Das Paar hat zwei Kinder. Tochter Lara (23) studiert Psychologie, Sohn Leon (21) Vergleichende Religionswissenschaften und Geschichte.

Berufswahl mit Bauch und Herz

An der Selbständigkeit schätzt Nicolaysen die Verbindung von Arbeit und Leben. Beides voneinander trennen will sie gerade nicht. "Ich mache den ganzen Tag, was mir Freude bereitet. Dafür werde ich auch noch bezahlt." Jungen Leuten, die zwischen Freiheit und Sicherheit wählen müssen, rät sie: "Nach Bauch- und Herzgefühl gehen! Dann erhält einen der Beruf auch."

An ihrem Metier schätzt sie die schier unzähligen Facetten und immer neuen Perspektiven. "Vieles möchte ich noch ausprobieren", sagt sie nach über 30 Berufsjahren. "Zum Beispiel Granulieren und Ziselieren." Ich stelle fest: Auch im Jahr 2016 spielen im Goldschmiede-Handwerk historische Techniken noch eine große Rolle. Kein Wunder: Der Beruf ist schließlich einige tausend Jahre alt.

Erste Sachverständige der Kölner Handwerkskammer

Gisela Nicolaysen stellt Ringe, Broschen, Manschetten-Knöpfe und anderes Geschmeide her. Für Damen, zunehmend aber auch für Herren. "Eine Zielgruppe, die in Zukunft noch wichtiger wird", beobachtet die Unternehmerin.

Seit zwei Jahren ist die Goldschmiede-Meisterin öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige der Kölner Handwerkskammer. In dieser Funktion darf sie einen Gutachter-Stempel führen. Sie hat bereits den zweiten. "Auf dem ersten stand: Sachverständigerin. Eine weibliche Gutachterin in meinem Fach gab es zuvor nicht." Ein Schelm, wer da an die netten Goldschmiede in Florenz denkt.

Hochwertiger Schmuck ist immer etwas Persönliches

Jedes Schmuckstück, das ihre Werkstatt verlässt, ist ein Unikat. Der Weg dahin? Erst die Idee im Kopf, dann eine Zeichnung, vielleicht ein Wachs-Modell, schließlich das fertige Objekt. "Dabei greife ich tief in die Beratungskiste. Manchmal bringt der Kunde schon genaue Vorstellungen mit." Ihre Kunden lassen der Handwerkerin und Künstlerin meist ausreichend Zeit. "Manchmal muss ein Verlobungsring innerhalb einer Woche fertig sein. Das geht, bedeutet aber ordentlich Stress."

In ihrer Werkstatt fertigt Gisela Nicolaysen neue Stücke an und arbeitet alte um. "Finde ich schön, aber nicht an mir", hört sie oft von Kunden, die geerbt haben. Jetzt ist die Goldschmiedin gefragt. Handwerklich hergestellter Schmuck ist immer etwas Individuelles, Persönliches. Dem macht industriell hergestellte, billige Massenware zunehmend Konkurrenz.

Kölner Pritsche 2.0, Michaela Patschurkowski
Kölner Pritsche 2.0, Michaela Patschurkowski

Kein Kölner Karneval ohne Gold- und Silberschmiede

Das Szepter seiner Tollität des Prinzen Karneval heißt in Köln bekanntlich Pritsche. Es ist 20 Sessionen in Gebrauch. Danach wandert es ins Stadtmuseum. 2015 ist die dritte Nachkriegs-Pritsche museumsreif. Gemeinsam mit fünf Gold- und Silberschmieden bewirbt sich Gisela Nicolaysen auf die Ausschreibung für Pritsche Nummer 4. Das Sechser-Team gewinnt. Das Gemeinschaftswerk sieht fantastisch aus und erzeugt ein majestätisches Klappern.

Neben Wappen und Feldern für 20 Prinzen-Namen trägt die neue Pritsche erstmals einen QR-Code. Der führt zu einer Website (karneval-pritsche.koeln). Wer die richtigen Links klickt, hört das Pritschen-Klappern auch außerhalb der Session. Die Kölner Pritsche 2.0 ist cross-medial.

Singen in Longerich, Paddeln auf der Ahr

Bei der zweiten Tasse Kaffee erkundige ich mich bei Gisela Nicolaysen nach ihren Hobbys. Seit sechs Jahren singt sie in der Longericher Pfarrei Sankt Dionysius im Chor. Moderne Komponisten mag sie lieber als Bach und Mozart. Beim Paddeln auf der Ahr und anderen Flüssen geht es dann so richtig sportlich zu. Was sie daran fasziniert? Das Gemeinschafts-Gefühl und die ständig neuen Herausforderungen.

Goldschmied-Nachwuchs in Köln

Um den Goldschmied-Nachwuchs ist es in der Domstadt nicht gut bestellt. Eine Auslagerung des hiesigen Ausbildungs-Standortes nach Essen konnte durch das Zusammenlegen zweier Jahrgänge gerade erst verhindert werden. Gisela Nicolaysen engagiert sich daher in der Nachwuchsförderung. Sie ist Mitglied bei Fest in Gold e. V.

Jedes Jahr lobt der Verein zur Studienförderung der Junggoldschmiede Köln einen Wettbewerb aus. Berufsanfänger reichen einen Unikat-Karnevalsorden als Beitrag ein. Die Orden werden beim karnevalistischen Empfang in der Handwerkskammer in der Woche vor Karneval an bekannte Persönlichkeiten verliehen. Mit dem Junggoldschmieden geht es dann noch auf Studienfahrt nach Brüssel oder Amsterdam, Weimar oder Wien. In die Mekkas der Goldschmiede-Kunst.

Bodenständig und kreativ

Nach fast zwei Stunden endet eine angenehme Zeit in der Werkstatt von Gisela Nicolaysen. Sie ist bodenständig, offen, humorvoll und kreativ. Klasse Legierung aus tollen Charakterzügen. Höflichkeit habe ich noch vergessen. Damit geleitet mich meine Gesprächspartnerin zur Haustür. Richtig: die Haustür aus Holz, die man auch tagsüber sieht. Dort wartet schon Kater Nero. Ob der einen Goldzahn hat, will ich wissen. Nein, lacht die Goldschmiedin zum Abschied, mit der untergehenden Sonne um die Wette.

(Stefan Bodemann)

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