Portrait Michel Houellebecq

Der neue Roman "Unterwerfung" des französischen Autors Michel Houellebecq ist in deutscher Erstauflage von 100.000 Exemplaren beim Kölner DuMont Verlag erschienen. Wer ist dieser Romancier, an dem sich Kritiker und Fans scheiden?

Ungekämmt und vorzeitig gealtert sind wohl die treffendsten optischen Eindrücke zu Houellebecq. Nie hat er einen Hehl aus seinem hedonistischen Lebensmodell gemacht. Alkohol, Drogen und Zigaretten - er hat unzweifelhaft eine selbstzerstörerische Seite.

Landwirtschaftsingenieur schreibt Gedichte

Michel Houellebecq kam 1958 auf La Réunion zur Welt. Sein Vater, ein Hochgebirgsführer, und seine Mutter, eine Anästhesistin, gaben Houellebecq früh zu seinen Großeltern mütterlicherseits. Nach der Trennung seiner Eltern lebte er ab seinem 6. Lebensjahr bei seiner Großmutter väterlicherseits im französischen Algerien. Später nahm er ihren Mädchennamen als Pseudonym an. Er schrieb bereits in der Schulzeit Gedichte. Während seines Studiums gründete er die Literaturzeitschrift "Karamazow", diplomierte 1978 zum Landwirtschaftsingenieur und bewegte sich gleichzeitig in Dichterkreisen. Im Anschluss studierte er Film - allerdings ohne Abschluss. 1980 heiratete Houellebecq erstmals, 1981 wurde sein Sohn Étienne geboren.

Depressionen und kontroverse Kritiken

Ohne Anstellung und mit Eheproblemen litt er an Depressionen. Nach der Trennung von seiner Frau begab er sich in psychiatrische Behandlung. 1983 bekam er einen Job als Informatiker im Landwirtschaftsministerium. Nebenher schrieb er Gedichte, Kritiken und Rezensionen. 1985 begegnete er Michel Bulteau, Leiter der Nouvelle Revue de Paris, der als erster seine Gedichte veröffentlichte. Seine zweite Frau Marie-Pierre Gauthier lernte er 1991 kennen. Nach seinen Romanveröffentlichungen von "Ausweitung der Kampfzone" und insbesondere "Elementarteilchen" kam es zu zahlreichen Anfeindungen seitens der französischen Kritik. Schließlich zog sich die Familie aus Frankreich nach Irland zurück. Seit 2013 lebt Houellebecq jedoch wieder in Paris.

Islam „unterwirft“ Frankreich

Sein neuer Roman „Unterwerfung“, der am 7. Januar 2015 erschienen ist, beschreibt ein repressives Frankreich im Jahre 2022. Erzählt wird die Geschichte des Literaturwissenschaftlers Francois, der die Ereignisse um die anstehende Präsidentschaftswahl mitverfolgt. Eine fiktive muslimische Partei gewinnt schließlich unterstützt von der Mitte-Links-Fraktionen die Wahlen gegen die Kandidatin Marine Le Pen von der Front National. In Frankreich entwickeln sich die Ausschreitungen bis hin zum Bürgerkrieg. Francois verlässt Paris ohne bestimmtes Ziel vor Augen.

Reine Fiktion und nichts weiter

Die Stellung Houellebecqs zum Islam ist mehr als kontrovers. 2001 sagte er, der Islam sei die blödeste Religion der Welt. Mehrere französische Islamverbände warfen ihm Islamfeindlichkeit und Rassismus vor, woraufhin er den Koran genauer ließt. In einem Interview mit dem französischen TV-Senders "Canal plus" dementiert er die Islamfeindlichkeit seines Buches. Muslime sollten nicht verletzt werden und seien es auch nicht. Es sei reine Fiktion und nichts weiter. Es gebe "keine Grenzen bei der Meinungsfreiheit, null Grenze sogar."

Flucht aus Paris

Am Tag der Veröffentlichung seines neuen Romans fand ein terroristischer Anschlag auf die Redaktion "Charlie Hebdo" statt. Houellebecq verlor dabei seinen Freund Bernard Maris, einen französischen Wirtschaftswissenschaftler und Journalisten. Die aktuelle Ausgabe des Satire-Magazins zierte eine Karikatur Houellebecqs mit den Worten: "2015 verliere ich meine Zähne, 2022 feiere ich Ramadan."

Geschockt über die Geschehnisse sagte er seine geplanten Lesungen ab und zog sich aus Paris zurück. Und der Dumont Verlag in Köln merkt an: "Welches Buch könnte besser in unsere Zeit passen als dieses?".

Die Angst vor der Islamisierung des Abendlandes ist natürlich ein aktuelles Thema. Aber wo steht Houellebecq wirklich? Islamfreundliche Gesinnung kann man ihm wohl nicht nachsagen. Er will sich aber auch nicht von der Gegenseite einverleiben lassen. Seine geäußerte Neutralität könnte Ausdruck einer Angst vor Anschlägen gegen seine Person sein. Wie sein Protagonist aus "Unterwerfung" zieht er sich aus dem Hexenkessel Paris zurück und agiert nun aus der Ferne. Offenbar hat ihn der Mut zur Kontroverse verlassen. (Susanne Dietrich)

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