Alexander Gerst nach der Rückkehr auf die Erde 2014, ESA–S. Corvaja
Alexander Gerst nach der Rückkehr auf die Erde 2014

Alexander Gerst: einmal Weltraum bitte

Der Dom aus 400 km Entfernung, 16 Sonnenuntergänge am Tag ... Für den Astronauten und Geophysiker Alexander Gerst sind das keine Hirngespinste, sondern Realität. Ein Porträt.


Fehlendes Kopfhaar, rotblondes Bärtchen. Die dunkelbraunen Augen leuchten, Alexander Gerst lächelt und reckt den Daumen hoch. „Alles bestens“, signalisiert er. Ja, es läuft tatsächlich alles bestens für den 38-Jährigen, auch wenn er auf der Erde die Schwerelosigkeit vermisst. Nach 166 Tagen im Weltraum ist es vorbei mit den Loopings beim Zähneputzen, doch Gerst hat sich schnell wieder eingelebt: Köln statt All, Pizza statt Essen aus der Tube, Joggen im Wald statt Training auf der Raumstation.

Astro-Alex und das Fernweh

Dass er einmal berühmt werden und den Spitznamen Astro-Alex tragen wird, damit hat er nicht gerechnet, aber schon als Junge träumt er von fernen Welten. Der Großvater ist Amateurfunker. Einmal richtet er die Antenne des Funkgeräts auf den Mond und schickt Worte seines sechsjährigen Enkels ins All – ein Erlebnis, das der kleine Alex nicht vergisst. Gerst ist 1976 in Künzelsau  (Baden-Württemberg) geboren und aufgewachsen. Nach Abitur (1995) und Zivildienst geht er zunächst für ein Jahr auf Weltreise. Anschließend studiert er in Karlsruhe und Wellington (Neuseeland) Geophysik. Sein Interesse gilt besonders den Vulkanwissenschaften. Während des Studiums unternimmt er mehrere Expeditionen, sogar bis in die Antarktis. Zusätzlich zum deutschen Diplom erwirbt Gerst einen Master-Abschluss. Von 2004 bis 2009 ist er am Institut für Geophysik der Universität Hamburg tätig. 2010 folgt die Promotion über den Vulkan Mount Erebus.

Abenteuer All

Gerst hat Neuseeland, die Antarktis, Äthiopien, Indonesien und Guatemala bereist. Die Erde ist groß, aber nicht groß genug für den jungen Franken, dessen Forscherdrang noch längst nicht gestillt ist. Als die European Space Agency (ESA) Astronauten sucht, bewirbt er sich. Im Auswahlverfahren besteht er viele schwierige Tests und kann sich schließlich gegen mehr als 8400 Mitbewerber durchsetzen. Ab 2010 bereitet sich der künftige Raumfahrer in verschiedenen Trainingszentren in Köln, Houston und Moskau auf den Flug zur Internationalen Raumstation ISS vor. 

Gerst mit Kollegen im All, ESA
Astronauten

Am 28. Mai 2014 geht es los. Eine russische Sojus-Rakete bringt ihn zusammen mit dem russischen Kosmonauten Maxim Surajew und dem US-Astronauten Gregory Wiseman zur ISS. Bis zum 10. November 2014 dauert die Weltraummission Blue Dot (Blauer Punkt) mit über hundert Experimenten. In der Freizeit genießt Gerst den atemberaubenden Blick aus der Station auf die Erde. Er twittert, bloggt und sendet einzigartige Fotos zur Erde. So lässt er unzählige Menschen an seinen Erlebnissen teilhaben. Eine ständig wachsende Fangemeinde verfolgt begeistert jedes Wort und jedes Bild. Höhepunkt der Reise durch das Universum ist für Gerst der Außenbordeinsatz, auch Weltraumspaziergang genannt, am 7. Oktober.

In Köln im siebten Himmel

Nach der Rückkehr lebt der ESA-Astronaut wieder in Köln. Seine große Popularität hat ihn überrascht und ist für ihn noch ungewohnt. Mit seiner damaligen Freundin, deren Foto er selbstverständlich im All bei sich trug, hat er gewettet, dass ihn niemand auf der Straße erkennen wird. Diese Wette hat er verloren. Kennengelernt hatte er sie im Europäischen Astronautenzentrum in Köln-Lind. Die studierte Physikerin arbeitete dort als Trainierin und hat ihn bei der Vorbereitung auf den Flug ins All unterstützt.

Die Perspektive macht‘s

Einst bekam Alexander Gerst für seine Verdienste von Bundespräsident Joachim Gauck das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse. Bei der Ehrung waren seine Eltern und seine Großmutter anwesend. Trotz der großen Freude, wieder auf der Erde zu sein, will der Astronaut bald wieder hoch hinaus, am liebsten zum Mars. Was er von seiner Weltraummission mitnimmt, ist neben vielen Eindrücke die Relativierung der Perspektive. Gerst hat festgestellt, dass man von der Raumstation aus keine Grenzen erkennt. Wenn man den kleinen blauen Planeten in dem riesigen schwarzen Universum sieht, „dann wirkt es grotesk, dass sich Menschen bekriegen oder Wälder abbrennen“. Der Raumfahrer hofft, dass die Botschaft die verstehen, die noch niemals die Erde verlassen haben.


Autorin: Clivia Kelch-Rade



Weiterführender Link: Astronaut Luca Parmitano

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